Die Energiewirtschaft ist im Wandel. Das Energierecht auch. Und wer den Rechtsrahmen kennt, ist im Vorteil. Willkommen in der Regelzone, dem Podcast von Adelshaw Goddard. Wir sprechen über Recht, Regulierung und Strategie. Und was das für Unternehmen, Investoren und den Markt konkret bedeutet. Mit Alessandra Freyer und Karl Holtkamp. Auf geht's.
Karl Holtkamp
Auf geht's, Alessandra. Lass uns über Energierecht sprechen.
Alessandra Freyer
Karl, ich habe da eine These. Und zwar: Die wichtigste energierechtliche Frage der letzten Jahre lautet nicht, ob wir genügend Windparks oder PV-Parks bauen und auch nicht, ob wir genügend Batteriespeicher bauen, sondern: Wer zahlt denn am Ende die Stromnetze?
Karl Holtkamp
Steiler Einstieg in unseren Podcast, aber auch in das Thema unserer ersten Folge: AgNes.
Alessandra Freyer
Ja, vielleicht. Aber wenn man sich anschaut, worüber die BNetzA im Verfahren zur allgemeinen Netzentgeltsystematik Strom, kurz AgNes, ich find's ja besonders toll, welche Namen sich die BNetzA immer für ihre Festlegungen überlegt. Ja, aber wenn man sich anschaut, worüber da gerade diskutiert wird, dann läuft es einfach darauf hinaus. Es geht um Speicher, Industrienetzentgelte, Prosumer, Erzeugungsnetzentgelte, dynamische Netzentgelte. Ja, und am Ende läuft's immer wieder auf dieselbe Sache hinaus, nämlich Netzanschlüsse. Und all diese Einzelthemen, die haben eine Grundfrage, die sie alle betrifft. Und zwar: Wer trägt denn am Ende die Kosten für ein Stromsystem, das sich gerade massiv verändert?
Karl Holtkamp
Genau, wer trägt zukünftig die Kosten? Und Veränderung ist ein gutes Stichwort, find ich, weil Veränderung ist nicht abstrakt, sondern wir reden ja darüber, dass wir in den letzten Jahren und auch anhaltend noch einen sehr starken Anstieg bei Netzanschlussanfragen gehabt haben oder erlebt haben. Rechenzentren werden immer als Beispiel genannt, aber auch große Speicherprojekte. Sprich, das ist ganz konkret und gleichzeitig müssen eben die Stromnetze massiv ausgebaut werden.
Alessandra Freyer
Ja, genau, wie du schon sagst und deshalb sieht die BNetzA ja auch Handlungsbedarf, weil es einfach so ist, dass die Netzkosten steigen, die Engpassmanagementkosten steigen, Einspeisung klar durch Wind, PV wird volatiler und am Ende werden die Netzanschlusskapazitäten einfach knapper. Und es ist auch so, dass sich die Finanzierung immer ungleichmäßiger auf verschiedene Nutzergruppen verteilt einfach. Und dazu kommt noch etwas: Und zwar haben wir auch einen formalen Anlass, weil die bisherigen Spielregeln der Stromnetzentgeltverordnung, die laufen einfach Ende Dezember aus.
Karl Holtkamp
Ja, 2028, oder?
Alessandra Freyer
Ja, genau. Und deswegen muss die BNetzA neue Regelungen schaffen und AgNes kann man nicht einfach mehr so sehen, als wären das einfach Ersatzregelungen für die StromNEV, sondern es ist jetzt ein Versuch, ein Netzentgeltsystem für ein Energiesystem zu entwickeln, das ganz anders aussieht als das bisherige System.
Karl Holtkamp
Ja, alles neu macht der Mai. Ich fand die Informationsveranstaltung der BNetzA von Ende Mai, also 27. Mai war es, ja da haben sie mal einen aktuellen Stand aus dem Verfahren mitgeteilt. Das fand ich sehr interessant, weil auch zum ersten Mal über konkretere Inhalte und eben die Anforderungen des neuen Netzsystems gesprochen wurde beziehungsweise die vorgestellt wurden.
Alessandra Freyer
Also die BNetzA hat in ihrer Informationsveranstaltung auch deutlich gesagt: „Das ist hier jetzt nur ein Zwischenstand und der richtige Festlegungsentwurf, der kommt noch."
Karl Holtkamp
Stimmt. Trotzdem finde ich, erkennt man so ein bisschen, wo die Reise hingehen soll. Und man erkennt auch, wo die BNetzA letztlich nach den Workshops, die es ja zwischendurch auch immer gab, ihre Position noch mal angepasst hat und Feedback eben jedenfalls auch aufgenommen hat und vereinzelt dann umgesetzt hat. So kann man's, glaube ich, zusammenfassen.
Alessandra Freyer
Ja, da sprichst du etwas an, was ich auch besonders interessant fand und was mir besonders aufgefallen ist: Die meisten, die da zugehört haben, vor allem bei Speichern, beim Vertrauensschutz und bei den dynamischen Netzentgelten, finde ich, konnte man schon einen in Anführungszeichen „Lernprozess“ erkennen. Deutlich wurde, fand ich schon, dass die Behörde an manchen Stellen die Kritik schon aufgenommen hat.
Karl Holtkamp
Ja, fand ich auch.
Alessandra Freyer
Ja. Und ist natürlich auch klar, dass sie in einigen Stellen bei ihrer bisherigen Linie geblieben ist. Das war zu erwarten.
Karl Holtkamp
Lass uns doch einleitend noch über ein paar, ja vielleicht über die Botschaften sprechen, die dann auch hinter AgNes stehen. Also ganz grundsätzlich noch mal: Was will die Bundesnetzagentur mit diesem neuen Prozess erreichen?
Alessandra Freyer
Und warum hat sie bei Speichern teilweise nachjustiert? Warum hält sie an Erzeuger-Netzentgelten fest? Was bedeutet das für Industrieunternehmen? Ja, und warum könnte das eigentlich große Thema der nächsten Jahre gar nicht das Netzentgelt selbst sein, sondern die Netzkapazität, die dahinter steckt?
Karl Holtkamp
Alles gute Fragen. Mal gucken, ob wir die heute alle in unserer Folge abgehandelt kriegen.
Alessandra Freyer
Im besten Fall, ja.
Karl Holtkamp
Ja, was will die BNetzA mit AgNes erreichen? Vielleicht in ihren eigenen Worten auf zwei Punkte runtergebrochen. Erstens: Kosten sollen eben dort vereinnahmt werden, wo sie anfallen. Das war so ein bisschen der Leitsatz, den ich rausgelesen habe. Und zweitens: Knappe Kapazitäten, die wir nun mal jetzt haben, sollen einen Preis bekommen.
Alessandra Freyer
Ich finde, wenn du das so ausführst, ist das ja eigentlich etwas, wo man sagt, das klingt jetzt erst mal fast selbstverständlich. Klar, wer Kosten verursacht, soll bitte auch dafür zahlen. Wo spielt denn da die Musik?
Karl Holtkamp
Die Musik spielt bei der Frage: Wer verursacht denn überhaupt die Kosten? Nehmen wir mal einen Batteriespeicher, da sagt die Speicherbranche ganz klar und nicht ganz zu Unrecht, wie ich finde, wir entlasten ja erst mal das System. Wir nehmen Überschüsse auf, wir erhöhen die Flexibilität und helfen letztlich dann darüber beim Ausbau der Erneuerbaren, aber bei der Stabilisierung unseres Gesamtsystems auch mit. Woraufhin die Bundesnetzagentur wiederum sagt: „Das kann nur eine Seite sein." Und, und die andere lautet: „Ja, letztlich benötigt auch ein Speicher Netzkapazität und diese Kapazität ist eben sehr rares Gut, derzeit und verursacht entsprechende Kosten."
Alessandra Freyer
Ja, und nicht nur bei Speichern. Dieselbe Grundsatzfrage hast du ja eigentlich auch bei Industriekunden, Erzeugern, Prosumern. Die taucht halt immer wieder auf. Und ich finde, AgNes fragt im Grunde immer wieder eine Sache, und zwar: Wie bepreise ich die Nutzung einer Infrastruktur, die für viele Marktteilnehmer, Akteure immer wichtiger wird, aber die einfach nicht beliebig oft in beliebig hoher Zahl verfügbar ist.
Karl Holtkamp
Guter Punkt. Stimmt. Und das zieht sich durch. Lass uns vielleicht noch über einen anderen Punkt sprechen, wenn wir gerade bei der Infoveranstaltung waren. Ich fand nämlich interessant, die Bundesnetzagentur trennt jetzt auch viel klarer für zwei oder zwischen zwei Funktionen eigentlich. Von Netzentgelten, also auch abweichend von der bisherigen Handhabung.
Alessandra Freyer
Ja, auf jeden Fall. Einerseits geht's um Netzentgelte mit Finanzierungsfunktion. Wir brauchen verlässliche Einnahmen. Um einfach den Netzbetrieb weiterhin vernünftig finanzieren zu können, aber auch ganz wichtiges Thema: Netze ausbauen zu können, vor allem vor dem Hintergrund der Versorgungssicherheit.
Karl Holtkamp
Irgendwo muss es herkommen.
Alessandra Freyer
Richtig, richtig. Großes Thema Versorgungssicherheit, deswegen Netzausbau sehr, sehr wichtig. Aber andererseits geht es auch um Anreiz und mit diesem Anreiz, wir wollen einfach netzdienliches Verhalten beziehungsweise die BNetzA, was auch sehr verständlich ist, will netzdienliches Verhalten fördern. Es ist nicht nur die Frage, wie bekommen die Netzbetreiber ihr Geld, sondern auch wie sollen sich Netznutzer zukünftig verhalten.
Karl Holtkamp
Lastspitzen reduzieren, hätte ich gesagt, Engpässe vermeiden, Flex nutzbar machen, Kapazitäten effizienter einsetzen. Und das klingt jetzt erst mal sehr abstrakt, aber ich habe in Vorbereitung auf unser Gespräch heute auch mal nachgeguckt: Die Bundesnetzagentur spricht in dem Zusammenhang von ca. 37 Milliarden Euro Netzkosten pro Jahr. Wir reden also auch recht konkret dann über hohe Beträge am Ende oder sehr hohe Beträge.
Alessandra Freyer
Hier muss man auch sagen, genau an diesem Punkt wird's dann auch konkret, weil diese AgNes-Reform, die entscheidet darüber, wer künftig welchen Beitrag zur Finanzierung der Netze leistet, überhaupt, und wie und ob sich Flexibilität am Ende auszahlt.
Karl Holtkamp
Alessandra, wenn man nach dem 27. Mai war es, mit Speicherentwicklern gesprochen hat, da waren die vereinzelt recht euphorisch und es klang so ein bisschen, als hätte die Speicherbranche einen großen Sieg errungen. Dabei war's ja erst mal eine reine Infoveranstaltung. Ist das denn wirklich so? Also was ist deine Einschätzung?
Alessandra Freyer
Na, ganz so euphorisch wäre ich da nicht. Ich würde jetzt sagen, jein. Viele haben sich auf die guten Nachrichten konzentriert, aber-
Karl Holtkamp
-dazu kommen wir noch.
Alessandra Freyer
Daraus wurde dann ziemlich viel abgeleitet. Und ganz klar muss man sagen, die Grundposition der BNetzA, die hat sich nicht geändert. Auch Speicher sollen zukünftig ihren Beitrag leisten zur Finanzierung der Netze.
Karl Holtkamp
Also keine dauerhafte Privilegierung, wie es so schön heißt, oder vollständige Netzentgeltbefreiung mehr.
Alessandra Freyer
Genauso ist es. Wer, wie du schon sagst, wer gehofft hat, dass Batteriespeicher dauerhaft von den Netzentgelten verschont bleiben, der wurde hier enttäuscht. Aber-
Karl Holtkamp
Dafür gab's auch gute News.
Alessandra Freyer
Gute News gab's auch. Und noch mal zurück, ich glaube auch, nicht alle haben das nur zu hoffen gewagt. Das muss man auch sagen, dass das hier komplett gekippt wird. Wie du sagst, good news. Die eigentliche Veränderung liegt nämlich an anderer Stelle, beim Vertrauensschutz. Immer auch ein großes Wort, Vertrauensschutz. Und dort hat sich wirklich viel bewegt, muss man sagen. Viele Speicherprojekte, die wurden in einem bestimmten regulatorischen Umfeld entwickelt.
Karl Holtkamp
Und auch im Vertrauen auf dieses, auf die Rahmenbedingungen, die es eben gab, muss man ja auch klar sagen.
Alessandra Freyer
Du, total, weil es wurden Grundstücke gesichert, es wurden Netzanschlüsse beantragt, Genehmigungen vorbereitet, Lieferketten geplant, die Finanzierung wurde strukturiert. Und dann war es natürlich so, dass die BNetzA im Januar in ihrem Orientierungspapier zunächst die Position aufgebaut hat, dass das künftige Netzentgeltregime, so wie es geplant ist, auch für Batteriespeicher gelten soll. Ja, aber die sind halt bereits all diese Schritte gegangen.
Karl Holtkamp
Nur noch nicht in Betrieb.
Alessandra Freyer
Genau, wollte ich gerade sagen. Aber es war noch nicht so, dass die Batteriespeicher in dem Moment schon in Betrieb waren.
Karl Holtkamp
Also mit anderen Worten, die BNetzA hat im Januar erst mal eine Position aufgebaut, nur um jetzt zurückzurudern und die eigene Position Ende Mai wieder weitestgehend zurückzudrehen. So kann man das, glaube ich, zusammenfassen. Leicht überspitzt.
Alessandra Freyer
Okay. Leicht überspitzt, würde ich auch sagen, kann man das so zusammenfassen. Und deswegen war auch die Aussage der BNetzA zum Vertrauensschutz so wichtig. Nach dem aktuellen Vorschlag sollen nicht nur bereits in Betrieb befindliche Speicher geschützt werden, sondern Vertrauensschutz sollen auch Projekte erhalten, die kurz vor Inkrafttreten der AgNes-Festlegung eine belastbare endgültige Investitionsentscheidung getroffen haben oder wo diese getroffen wurde und die dann bis spätestens zum 4. August 2029 in Betrieb gehen.
Karl Holtkamp
Okay, okay. Da müssen wir, glaube ich, noch mal kurz reingehen: Was heißt denn belastbare Investitionsentscheidung konkret? Die BNetzA hat ja zum Glück noch ein paar Stichworte mitgegeben, was darunter zu verstehen ist.
Alessandra Freyer
Ja, wie du schon sagst, belastbare Investitionsentscheidung klingt erst mal, gerade für uns Juristen, erst mal weich. Was ist darunter überhaupt zu verstehen? Ist ja sehr auslegungsbedürftig. Und es ist so, dass die BNetzA gesagt hat, es wird eine verbindliche Netzanschlusszusage verlangt und eine verbindliche Bestellung von Komponenten und die ungefähr die Hälfte des Investitionsvolumens abdecken. Und Verträge, die man geschlossen hat, aus denen darf man nicht ohne wesentlichen wirtschaftlichen Schaden wieder herauskommen.
Karl Holtkamp
Okay, also auch nicht ganz ohne. Mit anderen Worten: Wer nur eine Fläche gesichert hat oder den Netzanschluss erst mal nur beantragt hat, aber noch nicht weiter ist und die weiteren Schritte auch bis voraussichtlich Anfang 27 nicht schafft, der wird aller Voraussicht nach keine Netzentgeltbefragung, jedenfalls nicht mehr vollständig, bekommen und entsprechend profitieren können.
Alessandra Freyer
Also so würde ich das jetzt verstehen. Die Linie lautet einfach: Bereits getroffene Investitionen, die werden geschützt. Reine Projektideen nicht. Das ist vielleicht ganz kurz aufs Wesentliche heruntergebrochen. Klar, für Speicherentwickler lautet deshalb eine wichtige Frage: Schaffe ich es noch in diese Vertrauensschutzregelung?
Karl Holtkamp
Klar.
Alessandra Freyer
So auch beim zukünftigen Netzentgeltmodell hat die BNetzA nachjustiert und die zu Beginn diskutierten komplexeren Arbeitspreisvarianten sind praktisch vom Tisch.
Karl Holtkamp
Ja.
Alessandra Freyer
Weil es geht, wie wir schon mehrmals angesprochen haben, es geht um Kapazitätsentgelt.
Karl Holtkamp
Genau. Wir reden also nicht mehr über jede Kilowattstunde, sondern über die vorzuhaltende oder vorgehaltene Anschlussleistung.
Alessandra Freyer
Also das Speicherentgelt, das soll sich an den Einspeiseentgelten orientieren und die BNetzA hat auch eine Berechnung vorgestellt und es liegt bei 5,4 bis 5,7 Euro pro Kilowatt und Jahr. Und wenn wir uns noch mal das bildlich vorstellen, vielleicht an einem Beispiel mal festmachen.
Karl Holtkamp
Ja, ich glaub, das brauchen wir.
Alessandra Freyer
Also wenn wir einen 200 MW-Speicher haben, dann sind das 1,1 Millionen Euro pro Jahr. Das ist auch schon eine Ansage. Aber man muss auch bedenken, die Botschaft, die die BNetzA mitgeben wollte, lautet: „Wir kommen euch beim Vertrauensschutz entgegen. Die Einbeziehung in das zukünftige System, da werden wir euch einbeziehen, liebe Speicher, da halten wir dran fest und das bleibt.
Karl Holtkamp
Jetzt haben wir schon ein bisschen auch über Speicher spezifisch geredet im Zusammenhang mit der neuen Netzentgelt-Systematik. Lass uns doch kurz auch noch zum Thema Industrienetzentgelte sprechen, denn bei den Speichern erkennt man schon die Richtung zumindest. Ich fand, da waren einige interessante Punkte dabei. Bei den Industrienetzentgelten hatte ich, ja, nach der Veranstaltung im Mai eher das Gefühl, dass die Diskussion vielleicht jetzt erst losgehen kann. Weiß nicht, wie siehst du das?
Alessandra Freyer
Ja, das sehe ich genauso und das liegt daran, dass die BNetzA hier über zwei unterschiedliche Ebenen spricht. Erstens ist es einmal das künftige Grundmodell für große Stromverbraucher. Und natürlich zweitens über die Frage, wie es mit den bestehenden Sondernetzentgelten für die Industrie weitergeht. Also für größere Verbraucher mit mehr als 100.000 Kilowattstunden Jahresverbrauch soll sich die Systematik, muss man sagen, deutlich ändern. Also es ist so, du bestellst eine bestimmte Kapazität und innerhalb dieser bestellten Kapazität hast du einen Arbeitspreis. Arbeitspreis eins. Und der ist erst mal günstig beziehungsweise günstiger als der Arbeitspreis zwei. Den zahlst du dann nämlich, wenn du deine bestellte Kapazität überschritten hast. Plus Kapazitätspreis.
Karl Holtkamp
Das klingt erst mal ziemlich technisch, wird aber für Unternehmen schon von extremer praktischer Relevanz auch sein, denk ich. Wenn ich mir mal ein ganz einfaches Beispiel überlege und nehmen wir mal ein Chemieunternehmen oder ein Chemiewerk, wenn die, sagen wir mal, 100 MW Anschlussleistung haben, könnten da sich natürlich zukünftig die Frage stellen: Bestelle ich dann tatsächlich die vollen 100 MW an Kapazität oder reichen mir vielleicht auch 90, wenn ich bestimmte Prozesse flexibilisieren kann? Wie auch immer, entweder in den Betriebsabläufen oder durch einen Einsatz von einem Speicher auch „behind the meter“ dann auf einem Grundstück oder, letztlich find ich, ist es vor allem deshalb interessant an der Stelle auch, weil, ja dann auch Flexibilität hier wieder einen wirtschaftlichen Wert erhält.
Alessandra Freyer
Ja. Da sagst du's schon, nämlich genau das ist das Stichwort, weil diese Flexibilität wird zum betriebswirtschaftlichen Hebel, so könnte man das ausdrücken.
Karl Holtkamp
Du hast es eben ganz kurz angetippt: Was passiert mit dem bisherigen Bandlastprivileg?
Alessandra Freyer
Ja, da lautet die wichtigste Zahl für mich 2031. Also die BNetzA schlägt vor, dass die bestehende Bandlastregelung für Bestandskunden bis Ende 2031 fortgeführt wird. Aber, auch wichtig: Man sollte sich darauf auch nicht zu sehr ausruhen und das auch nicht so verstehen, als wäre das jetzt eine dauerhafte Bestätigung dieses Systems, sondern um es etwas bildlich zu machen, diese Verlängerung wirkt eher wie eine Brücke. So kann man sich das ungefähr vorstellen. Wichtig vielleicht auch noch, dass die BNetzA gesagt hat, dass über zukünftige Sondernetzentgelte soll in gesonderten Festlegungen entschieden werden und die sind vorgesehen für 2027.
Karl Holtkamp
Ja, das gibt schon einen kleinen Ausblick. Im AgNes-Prozess spielen natürlich auch noch ein paar andere Dinge eine Rolle, sogar einige. Vielleicht wollen wir noch kurz über Erzeugernetzentgelte sprechen, denn ich denk, das könnte langfristig auch größere Auswirkungen haben. Einfach weil es, ein ganz grundlegender Paradigmenwechsel an der Stelle ist. Also was war bisher das Grundprinzip? Das Grundprinzip war ja eigentlich ganz einfach: Wer Strom verbraucht, zahlt auch Netzentgelte mit allen Ausnahmen, die es da gibt.
Alessandra Freyer
Ja, genau.
Karl Holtkamp
Und wer Strom erzeugt, zahlt für diese Einspeisung grundsätzlich erst mal keine Netzentgelte und daran soll jetzt gerüttelt werden.
Alessandra Freyer
So war es bisher, aber dieses Prinzip will die BNetzA jetzt ändern. Das heißt, Erzeugungsanlagen sollen künftig ebenfalls an der Finanzierung der Netze beteiligt werden. Begründet wurde das ähnlich wie bei Speichern, also das folgt so ein bisschen der Speicherlogik, weil es ist einfach so, dass Erzeugungsanlagen, ja, wie Speicher auch, die nutzen ja auch Netzkapazitäten.
Karl Holtkamp
Stimmt, im Gleichlauf zu dem, was wir eben gesagt haben, ist auch hier, wenn ich mich richtig erinnere, das geplante Entgelt jedenfalls kein Arbeitspreis, sondern entsprechend auch ein Kapazitätspreis. Das muss man wahrscheinlich erst mal so hinnehmen und macht durchaus auch Sinn im Grundsatz. Die geplante Größenordnung liegt dann, so habe ich es gelesen, bei vier bis sieben Euro pro kW und ja, auch wenn die Anwälte nicht gerne rechnen, ein Solarpark mit 100 MW liegt also bei 400.000 bis 700.000 Euro im Jahr zusätzlicher Kosten am Ende.
Alessandra Freyer
Und das ist gerade für Projektentwickler, Investoren, wie sollte es anders sein, Finanzierung immer ein wichtiger Punkt, ist für die natürlich sehr relevant und das dahinterstehende Gesamtpotenzial ist für Netzbetreiber und auch den Gesamtmarkt enorm wichtig.
Karl Holtkamp
Wie hoch beziffert die Bundesnetzagentur das?
Alessandra Freyer
Ja, man sieht das im Hintergrundpapier kann man das sehr gut noch mal nachlesen. Da ist die Rede von bis zu zwei Milliarden Euro pro Jahr. Karl, das musst du dir Mal vorstellen, zwei Milliarden. Also das ist schon mehr als eine symbolische Regelung.
Karl Holtkamp
Die Gegenargumente liegen ein Stück weit auch auf der Hand oder sind ja auch bekannt, denn wenn wir mehr erneuerbare Energie und weniger Emissionen im System haben wollen, müssen wir natürlich auch jedenfalls im Hinblick auf die Ziele, die wir haben, zu den Emissionsminderungen, weiterhin Wind- und Solaranlagen zubauen. Wenn man sich dieses Grundprinzip, wenn man dem treu bleibt, das heißt nicht, dass das in dem bisherigen Tempo geschehen muss, aber dann, wenn man das möchte und gleichzeitig neue Kosten letztlich für diese Projekte einführt, dann verstehe ich das im Hinblick auf den Netzausbau, fördert das Ganze aber natürlich erst mal nicht.
Alessandra Freyer
Da bin ich ganz bei dir. Deshalb ist aber auch Vertrauensschutz so wichtig. Ist ja auch so, dass nach dem aktuellen Vorschlag sollen Bestandsanlagen grundsätzlich für 20 Jahre ab ihrer erstmaligen Inbetriebnahme geschützt bleiben. Und es ist auch geplant, besondere Vertrauensschutzregeln für Ausschreibungsprojekte. Also die Richtung, die mit diesem Vertrauensschutz gesetzt wurde, finde ich, ist ziemlich klar. Wenn's um Details geht, so weit ist es dann noch nicht. Also darauf wird dann auch noch viel ankommen.
Karl Holtkamp
Ja, du sagst es. Wie soll's denn jetzt eigentlich insgesamt weitergehen mit dem AgNes-Prozess? Also du warst ja auch und andere Kolleginnen aus dem Team auch bei den Workshops dabei, die es bislang gab. Ist AgNes nach der Infoveranstaltung und so dem Stand, den wir jetzt kennen, entschieden oder im Wesentlichen entschieden?
Alessandra Freyer
Nein, so würde ich das nach allen Workshops und Informationsveranstaltungen nicht sehen. Vielleicht die wichtigste Botschaft der Informationsveranstaltung des Zwischenstandes: Ich würde sagen, die BNetzA hat die Leitplanken gesetzt. Also die sind da, aber wie ich vorhin auch schon gesagt habe, viele Details, die fehlen einfach noch. Vielleicht noch mal ganz interessant zum Zeitplan: Ende des Jahres sollen dann die Rahmenfestlegungen abgeschlossen sein. Dann sind wir schon im neuen Jahr, in 2027. Das soll beginnen beziehungsweise da sollen die Umsetzungsvorbereitungen laufen, einschließlich, was haben wir, Marktkommunikation, Folgefestlegung natürlich auch wichtig.
Karl Holtkamp
BKZ ist noch offen, also Baukostenzuschüsse.
Alessandra Freyer
Klar. Flexible Netzanschlussvereinbarungen und haben wir vorhin oder ganz am Anfang auch schon erwähnt: Ende 2028 tritt dann die StromNEV außer Kraft und ab Januar 2029 sollen dann die AgNes-Vorgaben praktisch anwendbar sein.
Karl Holtkamp
Da ist noch ein Stück Weg vor uns. Ich meine, die, die Rahmenfestlegung, auch wenn sie kommt Anfang 27 endgültig, ist dann natürlich noch nicht das Ende der Debatte, sondern eher der Startpunkt für die Umsetzung. Umsetzung hast du ja gerade angesprochen. Für mich führt das letztlich dann zurück zu unserem Ausgangsthema Netzanschlusskapazität, ja. Also da spielt die Musik.
Alessandra Freyer
Ja, das ist der rote Faden.
Karl Holtkamp
Die BNetzA beschäftigt sich also deshalb auch nicht nur mit Netzentgelten, sondern zunehmend auch mit anderen Instrumenten, die die Netzanschlusskapazitäten nutzbar machen oder effizienter nutzbar machen sollen. Also ich denke da an flexible Netzanschlussverträge, FCAs, sogenannte. Auch dynamische Netzentgelte waren ein Thema, sollen aber jetzt, so war die letzte Aussage, vor 2030 erst mal keine Rolle spielen.
Alessandra Freyer
Wenn ich dich fragen würde, Karl, was sind denn nach der Informationsveranstaltung die drei Botschaften, die du mitgeben würdest? Also welche wären das?
Karl Holtkamp
Drei Dinge, okay. Also relativ, ja, nicht einfach, aber ich glaube, das kann man schon sagen: Die Bundesnetzagentur wird erst mal an ihrem zentralen Ansatz festhalten. Wenn wir, sie haben selber gesagt, Kosten sollen stärker dort vereinnahmt werden, wo sie anfallen. Ich hatte es eingangs gesagt und knappe Netzkapazitäten sollen einen Preis bekommen. Das ist vielleicht so der erste Punkt. Daran wird nicht zu rütteln sein. Zweitens: Die Behörde hat und das haben wir gesagt, insofern ist das jetzt vielleicht von mir eher eine Zusammenfassung, die Behörde hat die Kritik aus den Konsultationen ja auch ernst genommen, also aus dem Markt, hat zugehört und insbesondere beim Vertrauensschutz für Speicher, und ja, auch letztlich im Hinblick auf die jetzt etwas vorsichtigere Herangehensweise an dynamische Netzentgelte vor 2030. Also da hat die Behörde zugehört. Das ist so mein zweiter Punkt vielleicht. Und ja, drittens: Wir hatten oder du hast es eigentlich jetzt zuletzt gesagt, einige Detailfragen sind einfach noch offen. Viele, auch wichtige wirtschaftliche Entscheidungen kommen erst mit den Folgefestlegungen. Damit müssen wir uns abfinden, damit muss der Markt umgehen. Wir können ja und das ist das Gute deswegen, auch wenn die Zeit jetzt fast abgelaufen ist, wir haben uns vorgenommen, auch in der nächsten Folge ganz konkret noch mal ein bisschen tiefer einzusteigen, nämlich spezifisch zu Batteriespeichern und zum Thema Netzanschluss dann im Fokus für die ganze Folge. Mehr schaffen wir wahrscheinlich heute nicht.
Alessandra Freyer
Ja, in der nächsten Folge sprechen wir darüber: Wer bekommt heute noch Kapazität? Welche Rechte haben Projektentwickler? Welche Spielräume haben Netzbetreiber? Und warum werden flexible Netzanschlüsse wahrscheinlich ein wichtiges energierechtliches Thema der nächsten Jahre?
Karl Holtkamp
Ich freue mich drauf.
Alessandra Freyer
Ich mich auch.